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USA II

15.05.2015 - 11.06.2015 In Montana oder Kulinarische Nackerpatzerl

Ich kann mir nun vorstellen wie sich so eine Kuh fühlt die ihr leckeres Gras ständig wiederkauen muss, denn irgendwie komme ich mir auch so vor. Das Ding in meinem Mund wird immer mehr und schmeckt nach warmer Luft. Heidi ergeht es nicht besser und auch ihre Kiefer mahlen auf Hochtouren. Besteck gibt es keines, dafür wirksam drapierte Küchenrollen an jedem Tisch. Die undefinierbare Masse spülen wir mit geschmacksneutraler Prickellimonade aus Plastikbechern hinunter. Lecker.
Wir sitzen beim Pizzahut und „gönnen“ uns zu meinem Geburtstag eine Pizza.
Genau in solchen Momenten wünscht man sich einen Teleporter oder Scotti vom Raumschiff Enterprise, der uns irgendwo hinbeamt  um augenblicklich an einen anderen Ort verschwinden zu können. Nach Italien zum Beispiel, weil die können nämlich Pizza machen. Im Gegensatz zum Herrn „Pizzahut“. Denn was da vor uns liegt, hat mit einer Pizza genau so wenig zu tun wie ein Fahrrad mit einem Hubschrauber. Nicht rund, sondern rechteckig ist das Ding, der Boden viel zu dick, mit marginalen Spuren von Tomatensauce.
Dafür bekommen wir drei verschiedene Saucen als Beilage dazu, in den Geschmacksrichtungen Hot Chili, Mayonnaise und Barbecue. Ein Italiener würde wahrscheinlich genau an dieser Stelle kehrt machen und fluchtartig das Lokal verlassen, vorher aber noch schnell den Pizzakoch erwürgen. Diese Gedanken huschen auch kurz durch unsere Köpfe, aber blöderweise haben wir schon bezahlt und Hunger obendrein. So ergeben wir uns unserem Schicksal und würgen die XXL Portion so gut es geht runter und unsere Gedanken schweifen zu den kulinarischen Schmankerln ab, die wir bisher auf unserer Reise genossen haben.
Im Prinzip ist diese Erfahrung beliebig austauschbar, denn es ist vollkommen Wurscht ob man beim Herrn „Big Mäc“, bei der Frau „Taco Bell“, beim Herrn „Whopper“ oder bei Wendys isst.
Schmecken tut alles gleich, nämlich nach nichts.
Besteck kennen die Amis anscheinend nur vom Hörensagen, denn es wird ausschliesslich überall mit den dicken Wurschtelfingern herumgestochert.
Plastik und Styropor sind Trumpf und so kann es passieren, dass man nach seinem Mahl das gesamte „Geschirr“ mitsamt den Küchenrollenpapierln in den Abfalleimer kippt.
Jetzt denkt man sich: „Naja, das Essen war nicht so super, dafür kaufe ich mir einen guten Kaffee.“
Blöd nur, dass es so etwas in den USA nicht gibt. Zumindest wir haben in den drei Monaten hier noch keinen gefunden.
Es gibt verschiedene Ketten, die alle natürlich den besten Kaffee machen, aber von einer richtigen Kaffeemaschine haben die anscheinend noch nie etwas gehört. Unzählige verschiedene Varianten in den komischsten Geschmacksrichtungen gibt es da, angefangen von French Vanilla bis hin zu Haselnuss, geschüttelt oder gerührt, heiss oder kalt. Das hat sicher etwas damit zu tun, dass man das Gebräu ohne diese Geschmäcker nicht runterbekommt.
Hauptsache man kann die braune Brühe im 650 ml Becher kaufen.
Ausserdem fehlt den Amerikanern die Gemütlichkeit. In unseren Breitengraden ist das Kaffeetrinken ja eine soziale Tätigkeit. „Gehen wir auf einen Kaffee“ beinhaltet ja nicht nur das Kaffeetrinken an und für sich, sondern auch das zusammensitzen und tratschen.
Würde man das einem Amerikaner fragen, würde der nur fragen „Wieso?“.
Hauptsache schnell geht es. „Drive Thru“ Kaffeehäuser gibt es zuhauf, damit man seine Koffeindosis beim Autofahren bekommt.
Genau das gleiche in einem Restaurant. Kaum ist man fertig mit dem Essen, kommt schon die Bedienung und fragt ob man noch etwas will, verneint man, liegt keine drei Sekunden später die Rechnung auf dem Tisch und gibt einem zu verstehen, dass man sich gefälligst vertschüssen soll.
Wenn ich Restaurant schreibe, ist man ja geneigt sich vorzustellen, dass das so ist wie bei uns. Mit richtigem Geschirr und Gläsern und Besteck und so. Falsch. Auch hier ist Plastik Trumpf. Alles wirkt hektisch und einmal kommt es sogar vor, dass direkt auf unserem Tisch ein grosser Fernseher steht. Dass man ja nichts miteinander reden muss.
Für einen Amerikaner, der das erste Mal in Europa ist und die verschiedenen Schmankerln, egal in welchem Land ausprobiert, muss das einen Orgasmus seiner Geschmacksknospen auslösen.
Naja, auf alle Fälle sind die Amis kulinarische Nackerpatzerln und werden es wahrscheinlich für immer bleiben. Da können noch so viele Wolfgang Pucks Restaurants aufmachen.

Bis auf die essenstechnischen Unzulänglichkeiten gefällt es uns aber sehr gut in den USA. Das Wetter bleibt einigermassen stabil und abgesehen von ein paar Weltuntergangsregenschauer und teilweise verheerendem Gegenwind halten sich die Wetterkapriolen für unsere Verhältnisse aber in sehr annehmbaren Grenzen.Schön langsam hält der Sommer Einzug und auch die Temperaturen steigen in sehr erträgliche Bereiche.
Die Menschen sind äusserst freundlich und man hat immer wieder ein nettes Schwätzchen vor dem Supermarkt oder bei einer Pause im Park. Das einzige das auffällt ist, dass die Amis komplette Hosenscheisser sind. Eigentlich läuft es immer auf das gleiche hinaus. Egal was man macht , es ist gefährlich. Sei es der Verkehr, die zu schmale Strasse, die zu breite Strasse, zu enge Kurven, die Hitze, die Kälte, zuviel Wind, kein Wind, der Regen, die Trockenheit, Klapperschlangen  und andere Viecher. Uns wundert es ja wirklich dass sich da noch jemand vor die Tür traut.

 Auf unserem Weg zum Glacier Nationalpark treffen wir aber doch auf eine Menge Autofahrer, also kann es nicht ganz so gefährlich sein, wie alle immer tun.
Vom Bundesstaat Washington machen wir einen kleine Hüpfer nach Idaho und dann geht es direkt  nach Montana.
Auf unserer „To do“ Liste stand schon immer die „Going to the Sun Road“ im Glacier Nationalpark. Genau das ist auch der Grund, warum wir von Los Angeles bis fast an die kanadische Grenze radeln. Sind ja eh nur schlappe 3500 Kilometer. Damals, auf unserer Panamerikanareise 2007, sind wir zwar beim Nationalpark vorbeigefahren, aber aufgrund von verheerenden Waldbränden, wäre es keine gute Idee gewesen in den Nationalpark zu fahren.
Woher aber der Name kommt, können wir nicht ganz nachvollziehen, denn eher würde „Going into the Rain Road“ passen. Die ganze Zeit sind die mächtigen Berge in Wolken eingehüllt und etliche Gewitter gehen nieder. Aber wer uns mittlerweile kennt, weiss, dass ein Regenschauer oder zehn, den 2Roadrunners on Tour nichts mehr anhaben können.
Ohne Gepäck nehmen wir den Pass in Angriff und es macht echt Spass anstatt 50 Kilo „nur“ mehr knapp 20 Kilo unter dem Hintern zu haben. Wir fliegen förmlich über den Asphalt. Anfänglich scheint sogar noch die Sonne, aber bald schon ziehen wieder dicke Wolken auf und ein leichter Nieselregen setzt ein. Schön ist es trotzdem. Anfänglich geht es vorbei an ein paar hübschen Seen bevor wir endgültig zum Anstieg kommen.
 Die Passhöhe liegt auf 2000 Metern und ist für den Autoverkehr gesperrt, da die Räumungsarbeiten noch im Gange sind. Die Winter sind hart in den Rockies und normalerweise kann man mit einer Öffnung Mitte Juni rechnen.
Gut, denn so haben wir die Passstrasse für uns alleine. Ausser ein paar anderen Radlern sehen wir nur eine Braunbärenmami mir ihrem Baby.
Die Steigungen sind sehr moderat und nicht vergleichbar mit manchen Alpenpässen und so können wir die Landschaft rings um uns geniessen. Leider sind auch hier die Gletscher stark im abnehmen, was wieder einmal auf die Klimaerwärmung hindeutet, die es angeblich ja gar nicht gibt. Fünf Kilometer vor dem höchsten Punkt müssen auch wir umdrehen, da die Arbeiten noch nicht ganz abgeschlossen sind. Macht auch nichts, denn nun können wir ein dickes Hackerl auf unserer To Do Liste machen.

Am nächsten Tag überqueren wir die Continental Divide, also die Wasserscheide, und schon bald haben wir die mächtige Gebirgskette der Rocky Mountains hinter uns. Noch ein paar Mal blicken wir wehmütig nach hinten auf die schneebedeckten Gipfeln, denn vor uns erstreckt sich bereits die unendliche Weite Montanas. Ob wir jemals wieder richtige Berge bis zu unserem Endziel New York sehen werden, können wir momentan noch gar nicht sagen.
Aber auch diese unendlich scheinenden Grasflächen haben etwas besonderes und man kann sich gut vorstellen wie noch vor hundertfünfzig Jahren zigtausend Bisons hier herumgestreift sind. Und Indianer. In dem kleinen Städtchen Browning schwatzen wir recht nett mit einem Blackfoot Indianer mit dem klingenden Namen Keneth Stillsmoking und seinem Freund, der nur „The Bear“ genannt wird. Woher die ihren Namen haben wissen wir nicht, aber ihre Füsse sind auf jeden Fall sehr sauber. Wir bekommen von Keneth eine wunderschöne Adlerfeder geschenkt, die uns leiten und beschützen soll.
Vielleicht hilft die Feder ein wenig gegen die teilweise dämlichen Autofahrer die wir in Montana leider wieder öfters antreffen. Habe ich das letzte Mal noch von den rücksichtsvollen Fahrzeuglenkern geschrieben, muss ich das hier leider widerlegen.
Gut, dass nicht einmal eine Million Einwohner auf ganz Montana verteilt leben und das bei einer Grösse die ungefähr der Deutschlands entspricht. Man kann sich jetzt sicher vorstellen, dass der Verkehr sich sehr in Grenzen hält. Trotteln gibt es halt überall. Sogar in Montana.

Die nächsten Tage lassen sich am besten so beschreiben.
Radfahren. Essen. Radfahren. Essen. Radfahren. Essen. Schlafen.
Recht viel gibt es hier nicht zu sehen, und so versuchen wir soviele Kilometer  wie möglich runter zu spulen.
Versorgungstechnisch ist es aber gar nicht so schlecht, denn ungefähr alle fünfzig Kilometer hat man entweder eine Tankstelle, einen kleinen Laden oder sogar einen Supermarkt.
Die Rohloffnabe mit den neuen Speichen schnurrt wieder und so müssen wir uns vorerst keine Gedanken um unser Material machen und können uns voll und ganz auf das Radfahren konzentrieren.
Wir übernachten oft in den Parks der Dörfer oder kleinen Städte und sind überrascht über den Luxus den wir manchmal haben. Angefangen von einem kleinen Unterstand bis hin zu fliessend Wasser und sogar Strom gibt es vereinzelt. Gratis ist die ganze Sache auch noch dazu.
Um die hundert Kilometer fahren wir pro Tag und so sind wir am Abend auch dementsprechend müde. Ein erholsamer zehn Stunden Schlaf wäre da wirklich eine tolle Sache. Blöderweise scheinen wir irgendwie Menschen anzuziehen, denn sobald wir an einem menschenleeren Plätzchen auftauche, können wir uns sicher sein, dass keine zehn Minuten später Horden von Leuten herumrennen. Und das ist uns nicht nur einmal passiert.
Zum Beispiel sitzen wir den ganzen Nachmittag auf einem verlassenen Campingplatz mitten in Nirgendwo und haben das ganze Areal für uns alleine. Gegen 20 Uhr verkriechen wir uns in unser Zelt, damit wir unseren Schönheitsschlaf bekommen. Plötzlich kommt eine ganze Gruppe Autos daher und  auf einem Anhänger wird eine kleine Bühne aufgebaut. Und das mitten im Wald.
Kurze Zeit später ertönen auch schon grauenvolle Klänge aus den riesigen Boxen. In der Annahme dass sich da mit Sicherheit wer verletzt haben muss, so wie da geschrien wird, machen wir uns zu den Möchtegern Rockern auf. Mit Stolz erzählen uns die fünf Zuschauer, dass es sich hier um die „Scrotomizer“ handelt. Angeblich eine der besten Death Metal Bands in Montana. Na so wie die schreien möchte ich nicht die schlechten Bands hören. Der Name „Hodenschrumpfer“ passt zu ihnen, denn auch meine Hoden schrumpfen bei dem Katzengejammer und würden am liebsten im Bauchraum verschwinden. Also wieder nichts mit unserem Schönheitsschlaf.
Wer jetzt glaubt das war das einzige laute Erlebnis, der irrt.
In dem kleinen 800 Seelendorf Harlem muss natürlich gerade an dem Wochenende wo wir dort sind, die Schwimmmeisterschaft stattfinden und auf dem ansonsten leeren Gelände, zelten unzählige Teenager die natürlich alle recht nervös sind vor dem grossen Wettkampf und einfach nicht schlafen wollen.
In Hindsdale mit geschätzten 100 Einwohnern übernachten wir im Park und natürlich muss genau an diesem Tag der Katzenwelsfischwettbewerb über die Bühne gehen. Ist ja alle gut und schön, aber wieso muss dieser blöde Wettkampf von 16 Uhr bis Mitternacht gehen? Denkt denn keiner an die müden Radfahrer?
Am nächsten Tag in Wolf Point. Wieder das gleiche. Ein einsamer Park. Wir keine fünf Minuten dort. Plötzlich 17 Autos da. Kindergeburtstag mit allem Drum und Dran. Ich glaub jetzt kann man vielleicht verstehen warum wir manchmal ein bissi müde sind.
Dazu kommen noch die langen Tage im Sattel und in den letzten Tagen eine enorme Hitze mit bis zu 35 Grad.
Nach 8 Tagen ohne Ruhetag und Dusche gönnen wir uns wieder einmal ein Zimmer in Glendive um unseren geschundenen Knochen ein wenig Erholung zu geben und um den Dreck der letzten Tage gründlich abzuwaschen.
Nun geniessen wir die herrliche Ruhe die in unserem Zimmer herrscht,  bevor unsereins sich wieder auf den Weg in die unendlichen Weiten, genannt Great Plains, macht um die restlichen 4000 Kilometer bis nach New York unter die Reifen zu nehmen.



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