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Neuseeland III

30.01.2015 - 11.03.2015 Neuseeland III oder Deutschlands 18. Bundesland

Wer absolute Ruhe, Abgeschiedenheit und menschenleere Landschaften sucht, dem sei die Westküste auf der Südinsel Neuseelands absolut NICHT zu empfehlen. Zumindest nicht in der Hauptreisezeit zwischen Anfang Jänner und Ende Februar. Jährlich besuchen ungefähr 2,5 Millionen Leute die beiden Inseln und uns kommt es vor als ob alle zur gleichen Zeit in unserer Gegend sind.
Habe ich das letzte Mal schon von Touristenmassen geschrieben, war das nur eine kleine Vorwarnung an das, was uns an der viel gepriesenen Westküste erwarten sollte.
Der Mensch hat ja so etwas wie eine „Ich muss mir alles schön reden“ Region in seinem wohlproportionierten Gehirn. Aber irgendwann nutzt alles schön reden nichts mehr und nach einiger Zeit nervt Neuseeland nur noch. Zumindest geht es uns so.
Wir können diese aufgebauscherlten Werbesprüche, von den zugegebenermassen sehr cleveren Tourismusexperten, schon nicht mehr hören.
Wie super nicht alles ist, wie atemberaubend, wie aussergewöhnlich, wie einzigartig. Für uns ist es eher Durchschnitt was wir zu Gesicht bekommen.
Anscheinend sind wir aber so ziemlich die einzigen die das so sehen, denn eine unfassbare Zahl an Touristen zieht wie ein Heuschreckenschwarm über das Land und macht jeden nur erdenklichen Scheiss mit, der irgendwo als „extraordinary“ oder „awesome“ angepriesen wird.
Gratulation zur perfekten Gehirnwäsche und deren Machern, die es schaffen Millionen von Lemmingen durch das Land zu zerren um damit das grosse Geld zu machen.
Vielleicht hat es aber auch damit etwas zu tun, dass wir die Dinge mit etwas anderen Augen sehen und uns die „Top 10 Highlights“ eines Landes nur bedingt interessieren.
Für uns ist viel wichtiger hinter den Vorhang blicken zu können, wie es den Menschen hier geht, wie sie leben, wie sie denken, wie sie fühlen.
Und das ist in Neuseeland doch recht schwierig.
Das ist leider auch eine (der vielen) Schattenseite des Massentourismus, denn man verkommt mehr und mehr zu einer Nummer.
Wenn wir da an die vielen netten Schwätzchen mit den Australiern zurück denken.
Hier ist man halt nur Fahrradtourist Nummer 27543.

Zu der unglaublichen Zahl an Touristen, kommen dann nochmals tausende von Jugendlichen dazu, die ein „cooles“ Jahr im Rahmen ihres Work and Travel Aufenthaltes in Neuseeland verbringen.
Vorwiegend handelt es sich um Deutsche, frisch nach der Matura und gerade mal aus der Pubertät, oder eben noch mittendrin. Die neuseeländische Regierung vergibt nämlich an unsere Nachbarn eine unbegrenzte Zahl an Work and Travel Visa. Nur zum Vergleich. Österreich erhält im Jahr hundert.
Ausserdem ist hier ein Auto zu kaufen, so leicht wie im Supermarkt einen Liter Milch zu bekommen und dementsprechend hoch ist auch das Verkehrsaufkommen mit pubertierenden Jünglingen in ihren rostigen Schüsseln. Sobald man den fahrbaren Untersatz, woher auch immer hat, braucht man nur noch auf die Post!! zu gehen und 5 Minuten später ist man offizieller Besitzer und das Fahrzeug registriert.
So ziehen sie meist zu zweit in klapprigen Gefährten durchs Land um für einen Hungerlohn als Obstpflücker oder ähnliches ihre Brötchen zu verdienen. Doch für die jungen Leute ist das oft ihr erstes selbst verdientes Geld und was soll man da schon gross erwarten. Willkommen im modernen Sklaventum.
Oft hören wir aber auch gerade von diesen Leuten wie unglaublich teuer alles ist und immer nur Nudeln mit Tomatensauce zu essen ist auch nicht das wahre, ausserdem ist es unbequem im Auto zu wohnen  und man sehnt sich schon wieder nach den Annehmlichkeiten zu Hause. Im gleichen Atemzug wird aber von Fallschirmsprüngen, Hubschrauberrundflügen, Bungeejumps oder anderen teuren Zeitvertreibungen berichtet. Verstehe das wer wolle.
Neben den jugendlichen Deutschen gibt es aber auch noch eine Unmenge von älteren Deutschen zwischen dreissig und fünfzig, im Jahr 2012 waren es immerhin um die 60.000  (Tendenz steigend),
die in gemieteten Autos oder Campingbussen durch die Lande ziehen. Heidi hat da eine interessante Theorie entwickelt, warum so viele Deutsche hier Urlaub machen.
Weil es nämlich im 17. Bundesland Deutschlands, auf Mallorca, noch zu kalt ist.
So fährt man halt in das 18. Bundesland. Welcome to New Germany.

Aber nun mal zurück zu uns.
Wie ich das letzte Mal schon angedeutet habe, sind wir für die nächsten sechs Wochen zu dritt unterwegs, wobei dann doch wieder nicht und manchmal sogar zu viert. Zu kompliziert? Keine Sorge, wir haben uns manchmal auch nicht mehr ausgekannt.
In Cromwell nehmen wir Annatina, eine Freundin aus der Schweiz, in Empfang. Sie will mit uns für 6 Wochen mitradeln. So zumindest der Plan.
Blöderweise hat sie vorher noch nie das Tourenfahren ausprobiert, sondern ist nur mit ihrem Mountainbike in den Schweizer Alpen herumgeglüht,  hat eine geführte Tour in Chile gemacht und die eine oder andere Spinningstunde besucht. Jetzt der normale Denkfehler. „So schwer wird das ja jetzt nicht sein. Man hat ja den ganzen Tag Zeit, ist im Urlaub und 70 bis 80 Kilometer gehen ja locker. Ausserdem sieht man die Zwei auf ihren Fotos immer nur grinsen. Das geht schon.“
Wir, gescheit wie wir sind, haben sie im Vorfeld schon darauf hingewiesen, dass das ganze jetzt kein Kinderfasching ist und anstrengend werden kann. Und es ist gleich mal ordentlich anstrengend geworden.
Von Cromwell aus fahren wir über Wanaka vorbei an schönen Seen Richtung Westküste.
Viel haben wir schon über diesen Abschnitt gehört, denn wenn es hier regnet, dann regnet es richtig. Und wir haben „Glück“ solch einen Regen zu erleben.
Was da an Wassermassen runterkommt, geht auf keine Kuh- beziehungsweise Radlertourenhaut.
Manchmal kommen wir uns vor als würde wer ganze Kübel auf uns schütten. Lustigerweise hört der Regen von einem Moment auf den anderen wieder auf, als würde man einen Schalter umlegen.
Da wird doch nicht irgendwer da oben hocken und einen Mordsspass mit ein paar armen Radlern haben?
So plötzlich wie es aufhört, beginnt es auch wieder zu schütten und so „schwimmen“ wir mehr oder weniger die Strasse entlang.
Kurz nach Wanaka gesellt sich noch Barry aus England zu uns, der ebenfalls in die gleiche Richtung wie wir pedalt. Und da ja geteiltes Leid bekanntlich nur halbes Leid ist, versuchen wir so gut es geht mit der Situation umzugehen. Wir sehen das Ganze von der positiven Seite, denn somit sind wir und unser Zelt vor der aggressiven UV Strahlung geschützt. Die Neuseeländer nennen solches Wetter „liquid sunshine“. Wie passend :-)
Wenn sich die Wolken mal kurz lichten bekommen wir Ausblicke auf die umliegenden, dicht mit tropischem Regenwald bewachsenen Berge aus denen überall Wasserfälle schiessen. Es sieht so aus als würden die Berge weinen. Bei dem Sauwetter ist es ihnen wirklich nicht zu verübeln.
Schon bald aber ziehen wieder dicke Regenwolken über uns und lassen uns in dichtem Grau weiter „schwimmen“.
Annatina kämpft ab dem zweiten Tag mit dem Wetter, der Gesamtsituation und sich selbst und so beschliesst sie auf den Bus umzusteigen und nur noch ein paar Teilstücke mit uns zu radeln.
Barry aber hält es sage und schreibe 2 1/2 Wochen durchgehend mit uns aus und ist somit  der alleinige Rekordhalter mit den 2 Roadrunners on Tour. Ob jemals noch wer solange mit uns mitfährt?
Genau das bestätigt aber auch wieder einmal für uns, dass das Radtourenfahren nicht leicht ist und doch von vielen unterschätzt wird. Für uns ist es ja schon so etwas wie Alltag was wir tagtäglich erleben und wir erachten es als normal gegen Wind, Regen, Kälte oder grosse Hitze anzukämpfen. Wobei kämpfen vielleicht nicht das richtige Wort ist. Denn wir lieben das Radfahren und für uns gehören solche Wetterlagen genauso dazu wie an einem perfekten Tag zu radeln.
Auf alle Fälle ziehen wir den Hut vor allen Radlern die gerade auf ihren Drahteseln auf allen fünf Kontinenten unterwegs sind und genau mit derselben Leidenschaft wie wir den Gegebenheiten strotzen. Meist kommt die Belohnung für die Strapazen recht schnell, denn es gibt nichts schöneres als nach einem Regenguss die wärmenden Sonnenstrahlen auf seiner Haut zu spüren. Man ist dann auch mit den Kleinigkeiten im Leben sehr zufrieden und dankbar.

Unsere Route führt uns mal im strömenden Regen, mal bei herrlichem Sonnenschein vorbei an Gletschern, mit Schnee angezuckerten Bergen, durch dichten Regenwald entlang der rauen Küste mit schönen Ausblicken aufs Meer, immer weiter Richtung Norden.
Ab Greymouth nimmt der Verkehr wieder merklich zu und das radeln wird manchmal echt anstrengend. Waren bisher die Autofahrer recht anständig, zeigen sie auf diesem Abschnitt ihr wahres Gesicht und so werden wir des öfteren beschimpft, geschnitten und sogar von einem LKW von der Strasse gedrängt. Gratulation liebe Kiwis, somit habt ihr euch die bronzene Vollpfostenanstecknadel am Band für saublödes und gehirnbefreites Autofahren redlich verdient!
Auch die Unterkunftssuche wird ab diesem Zeitpunkt zu einer Herausforderung, da gerade der Cricketworldcup in Neuseeland und Australien ausgetragen wird.
Was für die geschätzten sechs Nationen die daran teilnehmen ein Riesenspektakel ist, ist dieses Ereignis für den Rest der Welt ungefähr so bedeutend wie wenn gerade jetzt in China ein kakaoblaues Fahrrad umfällt. Oder hat jemand jemals schon von Westindien gehört?
Ein Cricketspiel im Fernsehen zu verfolgen ist annähernd so interessant wie das Testbild am Bildschirm für Stunden anzustarren. Manche Spiele dauern fünf Tage und mich wundert es wirklich dass niemand im Stadion oder vor der Mattscheibe an Langeweile stirbt. Ausserdem bedarf es wahrscheinlich ein ganzes Leben (oder länger) um die Regeln nur einigermassen zu verstehen.
Komischerweise spielen doch eine beträchtliche Zahl an Leuten in ganz Neuseeland und auch Australien Cricket und die Nationalspieler werden gefeiert wie Stars.
Uns wäre das ja herzlich egal, wenn nicht gerade in Nelson das „wichtige“ Spiel Westindien gegen Irland ausgetragen würde und somit sogar die Campingplätze fast bis auf den letzten Platz ausgebucht sind. So kommt es dass Barry, Annatina und wir zwei, uns einen Stellplatz teilen müssen und dafür eh nur 32€  zahlen. Dafür gibt es kein Gras sonder nur ausgedörrten Boden. Mitten in der Nacht wird Barry in seinem Zelt fast von zwei (deutschen) Mädels in ihrer rostigen Klappermühle überrollt, da die beiden sich noch dazu quetschen. Herrlich!

Wieder zurück in Wellington heisst es von Barry Abschied nehmen, der die Heimreise nach Brisbane antritt, und ich muss sagen dass es echt ein Spass war mit diesem lustigen Kerl über 1000 Kilometer zu radeln. Barry ist immerhin schon über fünfzig, doch das Kind in ihm kommt immer wieder durch und er ist für jeden Spass zu haben. Genau so soll es sein.
Aber es gibt auch ein Wiedersehen, denn wir treffen uns noch einmal mit Lucy, die wir gleich zu Beginn unserer Zeit in Neuseeland getroffen haben und die uns mit wichtigen und hilfreichen Tipps  für die Südinsel versorgt hat.
Auf ihrer Tour auf der Nordinsel hat sie per Zufall einen Stoffcoyoten, der übel zugerichtet am Strassenrand lag und sicherlich schon hundert Mal überfahren worden ist, gefunden. Löblicherweise hat sie an uns gedacht und den schwer verletzten Coyoten für uns mitgenommen. Danke Lucy!
Nach einer längeren „Operation“ mit Zwirn und Nadel ist er wieder so fit, dass er auf Heidis vorderem Gepäckträger Platz genommen hat und nun den Roadrunner, der auf meinem Gepäckträger thront, mit einem höhnischen Grinsen verfolgt. Jetzt sind wir halt noch schneller :-)

Die letzten 900 Kilometer auf der Nordinsel, zurück zu unserem Ausgangspunkt  in Auckland, führen uns unter anderem auch am bekannten Tongario Nationalpark vorbei. Jetzt steht da in jedem Reiseführer dass die Tongario Crossing ein Muss ist. Bei dieser Wanderung über den Vulkan strotzt unser Guidebook nur so vor Superlativen. Dass aber geschätzte 2 Millionen Besucher gleichzeitig den Feuerspucker erklimmen wollen, steht natürlich wieder nirgends. Wer uns aber mittlerweile kennt, weiss ja dass wir (besonders ich) gehen für komplett überbewertet halten und uns viel lieber per pedales fortbewegen als auf zwei Beinen durch die Gegend zu stelzen. Somit lassen wir die Wanderung Wanderung sein und geniessen die Blicke auf die insgesamt drei Vulkane aus der Ferne.
Wir verbringen noch einen schönen Ruhetag in den heissen Quellen nahe Rotorua und lassen unsere verspannten Haxerln vom warmen Wasser so richtig aufweichen. Auch dass muss manchmal sein.
Bei Fahrt nach Auckland erleben wir noch ein paar brenzlige Situationen mit den ach so netten Autofahrern, die absolut kein Verständnis zeigen, dass man auch als Radfahrer ein wenig Platz auf der Strasse braucht. Somit können wir nur sagen, dass die Kiwis den Australiern um nichts nachstehen, was Respektlosigkeit gegenüber Radfahrern aber auch Fussgängern angeht.
Manchmal wird auch die Überquerung einer Strasse für uns zum Spiessrutenlauf, weil sich keiner bemüssigt fühlt auch nur ansatzweise die Geschwindigkeit zu verringern, wenn man einen Fuss auf die Strasse setzt.
Gratulation, in ungefähr 15 Jahren seid ihr eventuell auch soweit wie in Europa. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

So erreichen wir nach fast 3 Monaten und 4500 Kilometern wieder unseren Ausgangspunkt in Auckland und die letzten Wochen ziehen an unserem geistigen Auge nochmals vorbei.
Die letzten zwei Tage verbringen wir im Hotel nahe dem Flughafen, verabschieden uns von Annatina und versuchen uns ein wenig zu sortieren, denn mit dem Kopf sind wir eigentlich schon ganz wo anders.
Für uns geht es nun nämlich ins „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“.
Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.













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