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Australien IV

 01.10.2014 - 20.10.2014 „Next month!“

Das monotone Rattern lässt uns beide immer wieder einnicken. Ach, ist das herrlich mal nicht selber strampeln zu müssen, um irgendwo hinzukommen.
Wir sitzen nämlich im Zug von Wollongong nach Sydney und lassen die Landschaft an uns vorbeiziehen.
Die letzten Wochen waren doch ziemlich anstrengend und eine Pause ist dringend notwendig.
Das hätten wir echt nicht geglaubt, denn hier von Bergen zu sprechen wäre ein wenig übertrieben.
Aber der Blick auf das Höhenprofil der letzten Etappen zeigt etwas ganz anderes. Ein ständiges Auf und Ab und fast keine flacher Abschnitt waren dabei.So kommt es dass am Ende des Tages jedes Mal im Durchschnitt neunhundert Höhenmeter auf unseren Tachos stehen. Egal ob auf fünfzig oder hundert Kilometer.
Am Abend sind unsere Haxen immer so dick aufgepumpt, dass wir uns vorkommen wie zwei Sprinter nach einem anstrengenden Intervalltraining.

Es ist wirklich erstaunlich um wieviel einfacher das Leben ist, wenn man auf motorisierte Hilfsmittel, oder eben wie wir auf die Eisenbahn, zurück greifen kann. Immerhin haben wir seit Tibet, oder anders ausgedrückt seit neunzehntausend Kilometer, von uns aus keine fremde Hilfe mehr in Anspruch genommen.
Aber im Gegensatz zu uns ist das wahrscheinlich nur den wenigsten hier im Zug wirklich bewusst. Umso mehr geniessen wir die fünfundachtzig Kilometer lange Fahrt und grinsen wie zwei frischlackierte Hutschpferde aus dem Fenster.
Am Hauptbahnhof angekommen das übliche Gedränge.
So viele Menschen haben wir schon seit Indonesien nicht mehr auf einem Haufen gesehen und das ist jetzt immerhin schon fast fünf  Monate her. Ein wenig kulturgeschockt von all dem Wirbel und der Hektik strecken wir mal unsere Köpfe nach oben und bestaunen die zahlreichen Wolkenkratzer.
Das nenn ich mal eine Stadt.
Schon bald aber gewöhnen wir uns an das Gewusel und wir machen ein ausgiebiges Sightseeingprogramm.
Wenn nicht geradelt wird, wird halt herumgehatscht. Man will ja schliesslich nicht aus der Form kommen.
Am Abend tun uns die geschundenen Haxerln genauso weh, als ob wir zweitausend Höhenmeter geklettert wären, ausser dass ich zusätzlich noch zwei riesige Blasen auf meiner Fußsohle habe. Ich sag es ja immer, Radfahren ist viel besser als Gehen.

Sydney ist wirklich einen Besuch wert und der erste Blick auf die außergewöhnliche Form des Opernhauses im Hafen mit der mächtigen Harbourbridge im Hintergrund beeindruckt uns sehr. Da wird uns wieder einmal bewusst, wie weit wir es eigentlich schon geschafft haben. Mit dem Fahrrad bis nach Sydney! Unglaublich. Das war für uns immer so ein Meilenstein und jetzt stehen wir mit beiden Beinen wirklich hier. Wieder huschen die letzten 18 Monate im Schnelldurchlauf an unserem geistigen Auge vorbei, und ich muss sagen wir haben schon eine ganze Menge erlebt.

Auch kulinarisch hat die Stadt einiges zu bieten und so schlagen wir uns die Bäuche einmal mit etwas anderem voll, als ständig nur mit Nudeln und irgendwelchen Saucen.
Ausserdem sieht man extrem viele aktive, schlanke Menschen. Die meisten joggend, aber auch ganze Gruppen die in den zahlreichen Parks gemeinsam trainieren. So etwas ist man gar nicht gewohnt von den überwutzelten Australiern.
Unser Radlerherz schlägt bei den vielen, richtig guten Bikeshops gleich mal höher und wir streunen einen ganzen Vormittag von einem Geschäft zum anderen um neue Shorts zu finden. Bei uns beiden steht nämlich ein schmerzlicher Abschied von unseren heiss geliebten Bikeshorts an, die wir fast täglich strapaziert haben und nun erste Verschleisserscheinungen zeigen. Besser gesagt lösen sich diese schön langsam aber sicher in ihre Einzelteile auf und das nach „nur“ knapp neunundzwanzigtausend Kilometern.

Ausserdem spazieren wir über die Harbourbridge, geniessen das Treiben im Hafen und im ältesten Viertel der Stadt, genannt „The Rocks“, bewundern die blühenden Bäume im Botanical Garden, wandern durch die Hochhausschluchten, sind erstaunt über den Prunk im Queen Elizabeth Building, das als Shoppingcenter fungiert und schauen gebannt den vielen Fahrradkurieren nach, die sich einen Weg durch das Verkehrsgewusel bahnen.
Aber irgendwie sind wir auch froh nach zwei anstrengenden Tagen mit Sightseeing die Großstadt wieder verlassen zu können, denn auf Dauer wäre das ständige Gewusel nichts für uns. Wir sind und bleiben halt doch zwei Landpomeranzen.
Zwei weitere wunderbare Tage verbringen wir noch bei Irene und Laurie in Wollongong und werden verwöhnt wie in einem Luxushotel. Wir bekommen ein wenig Einblick in die mystischen Regeln des Aussie Rules Football, da gerade an diesem Wochenende das „Grand Final“ in Melbourne stattfindet.Schon seit Tagen sieht man im Fernsehen nur mehr Vorberichte, Analysen und Reportagen über das Endspiel. Es scheint als ob fast ganz Australien aus dem Häuschen ist. Verstehen tun wir das Spiel nur so halbwegs, das am ehesten einer Mischung aus Fussball, Rugby und Mikado gleicht. Mikado deshalb, weil alle zehn Sekunden ein Spieler von einem Gegner umgehackt wird und dieser umfällt wie ein Mikadostaberl. Lustig ist es trotzdem, und nach dem fünften Bier, das traditionell zum Finale getrunken wird, ist es uns eigentlich eh Wurscht wer gewinnt. Hauptsache wir grölen ein wenig mit Irene und Laurie mit und starren gebannt auf die Mattscheibe. Obwohl Bier wird nicht nur zum Finale getrunken, sondern eigentlich zu jedem Anlass.
Der Abschied von den beiden fällt uns wirklich nicht leicht. Man lernt nette Menschen kennen, fühlt sich pudelwohl, geniesst wieder all die Vorzüge des modernen Lebens wie zum Beispiel ein weiches Bett, eine warme Dusche, Elektrizität, von normalen Tellern zu essen und noch vieles mehr.Weiterziehen müssen wir aber trotzdem, weil wir haben ja einen Auftrag, und der heisst Weltumrundung. Andererseits machen aber gerade solche Begegnungen mit herzensguten Menschen unsere Reise zu etwas Besonderem und wir hoffen die gesammelten positiven Erfahrungen eines Tages auch weitergeben zu können.

Unsere geplante Route führt uns kurz an der Küste entlang, da aber der Verkehr recht stark ist und wieder diese mysteriöse Krankheit um sich schlägt, von der die männlichen Autofahrer betroffen sind, beschliessen wir aber bald wieder ins Landesinnere auszuweichen.
Ich muss aber sagen, die hundert Kilometer entlang am Meer sind wirklich sehenswert. Schöne Strände haben die Australier schon, dass muss man ihnen lassen.
Wir können sogar einmal ins Meer plantschen gehen, weil eine „Eintageshitzewelle“ über das Land bricht und uns Temperaturen von über dreissig Grad beschert. Das Wasser ist zwar mit achtzehn Grad noch recht frisch, wir haben aber trotzdem unseren Spass, obwohl uns die starke Strömung und die hohen Wellen ein paar Mal ganz schön an den Strand wutzeln, sodass wir ausschauen wie zwei panierte Schnitzel. Ich sag nur Sand in jeder Ritze.

Wie ja der Name „Eintageshitzewelle“ schon sagt, beschert ein Tief am nächsten Morgen wieder einmal einen ausgewachsenen Sturm und Temperaturen um die fünfzehn Grad.
Wenn mir jetzt noch einmal jemand kommt und sagt in Australien ist es so heiss, den trete ich persönlich in den Allerwertesten.
So oft gefroren wie auf diesem Kontinent haben wir nicht einmal in Tibet.
Wenn wir mal am Morgen Temperaturen im zweistelligen Bereich haben, feiern wir das wie zwei verrückte Gottesanbeter mit wilden Gesten gen Himmel, dass wahrscheinlich zufällige Beobachter denken werden, dass wir tatsächlich ein wenig deppert sind. Dann sollen die doch bitte mal wochenlang nur draussen sein und in einem Zelt wohnen. Die würden mit Sicherheit genauso reagieren.
Die meiste Zeit bewegen sich die Temperaturen am Morgen aber im einstelligen Bereich, soll heissen zwischen Null und fünf Grad. Weht noch ein eisiger Wind dazu, kommt es einem vor als öffnet man einen Kühlschrank und steht dann wie ein Michelinmanderl mit Haube und allem Drum und Dran irgendwo in der Gegend herum, und das in Australien!
Das hätten wir echt nicht geglaubt. Wenn wir dann die Leute fragen, wann es endlich warm wird, sagen die immer „Next month“. Das geht jetzt schon drei Monate so.
Andererseits muss ich aber auch fairerweise anmerken, dass wir uns nicht gerade die „Kindergartenroute“ an der Küste ausgesucht haben, sondern unser Weg führt uns in die Snowy Mountains. Und die werden das Wort Snowy sicher nicht nur zum Spass eingebaut haben.
Im Kosciuszko Nationalpark, mit dem gleichnamigen höchsten Berg Australiens (2230 Meter) führt uns die Strasse bis auf tausendfünfhundert Meter und tatsächlich sehen wir noch ein paar Reste Schnee. Erst vergangenes Wochenende ist die Skisaison zu Ende gegangen und wir bestaunen das kleine, aber gar nicht mal so schlechte Skigebiet das um das Dörfchen Thredbo aufgebaut wurde. Das erste Mal in Australien haben wir einen Ort gefunden wo es uns wirklich richtig gut gefällt. Das raue Klima, die Berge, der Schnee. Ich hätte gar nicht geglaubt dass gerade mir als Flachlandler so etwas fehlen kann.

Weiter geht es immer munter, rauf und runter und die Höhenmeter fliegen nur so dahin. Naja, fliegen ist ein bisschen übertrieben.
Ein Zwangsruhetag ergibt sich noch für uns, da es anscheinend doch nicht so gesund ist Wasser von jedem Wasserhahn zu saufen.
Schon am Morgen beim Frühstück ist uns nicht ganz so wohl, aber nach zehn Kilometern schiessen wir beide fast synchron in die Büsche, weil wir Bauchkrämpfe haben dass du glaubst gibt es nicht. Heidi speibt dazu noch ein paar Mal in die Botanik.
Gerade an solchen Tagen ist es extrem mühsam. Wenn der Körper nicht so funktioniert wie er eigentlich soll, wird das Radeln echt zur Qual. Andererseits haben wir in dieser Situation keine andere Wahl, weil der nächste Campingplatz sechzig Kilometer entfernt ist. So mühen wir uns Kilometer für Kilometer ab und es kommt uns so vor, als ob die Distanz einfach nicht weniger wird. Abwechselnd besuchen wir immer wieder das Buschklo. Heidi bekommt dann auch noch Fieber. Ein schöner Tag.
Endlich am rettenden Campingplatz in Tallangatta angekommen, sind wir so erschöpft, dass wir mal eine Stunde nur auf unseren Sesserln sitzen und das zugegebenermassen nette Panorama, auf den vor uns liegenden Stausee, geniessen. Dann muss noch das Zelt aufgebaut werden und erst dann können wir uns in unsere warmen Schlafsäcke kuscheln.
Gerade an solchen Tage sehnt man sich ein wenig nach seinen eigenen vier Wänden, einer weichen Couch, einer fluscheligen Decke die man sich über den Kopf ziehen kann und nach einer warmen Tasse Kamillentee.
Am nächsten Morgen ist aber das Schlimmste überstanden und wir sind schon wieder guter Dinge.

Knapp vor Mansfield, einer angeblichen Raddestination, erreichen wir den nächsten Meilenstein unserer Reise. 29.539 Kilometer zeigt der Tacho an. Exakt genau so weit, wie uns unsere Panamerikanareise damals von Alaska nach Anchorage geführt hat.
Da wird uns wieder einmal bewusst, was wir eigentlich schon geschafft haben und lässt uns ein wenig stolz auf die letzten Jahre zurückblicken.
59.078 Kilometer, 4 Kontinente, 33 Länder, 500.000 Höhenmeter, mehr als 3000 Stunden im Sattel, unzählige Liter Schweiss und noch mehr verbrannte Kalorien.
Aber viel eindrücklicher sind die unzähligen netten Begegnungen mit den Menschen. Wir haben bisher soviel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft erlebt und das unabhängig von der Hautfarbe, Herkunft oder Religion, wie wir es niemals erwartet hätten. Genau diese Erfahrungen lassen uns die Welt mit anderen Augen sehen. Immer waren wir die Ausländer, die Fremden, die, die nicht dazu gehören. Und trotzdem wurde uns immer geholfen. Das lässt uns positiv in die Zukunft blicken.
Leider muss man aber auch sagen, dass wir viel Zerstörung gesehen haben und es schmerzt uns jedes mal das Herz wenn wir wo vorbeikommen wo wieder einmal ein Fleckchen Erde unwiederbringlich vernichtet wurde. Vor allem in Südostasien ist besonders schlimm, aber auch in fast allen anderen Ländern finden wir immer wieder Unmengen an Müll entlang der Strasse, der einfach achtlos aus dem Autofenster geworfen wurde. Muss das sein? Uns allen sollte bewusst sein, dass wir nur diesen einen Planeten haben und nicht unbegrenzt auf diesem herumtrampeln können.
Wir hoffen inständig, dass es nicht schon zu spät ist.

In Mansfield, der Heimat von Radprofi Simon Gerrans, machen wir an unserem Ruhetag einen kleinen Radausflug mal ganz ohne Gepäck. Wir wollen nämlich auf den fünfundvierzig Kilometer entfernten Mount Buller fahren und schauen was unsere zarten Haxerln noch so drauf haben.
Wir klettern auf tausendsiebenhundert Meter bis  fast auf den Gipfel des Mount Buller und ich muss sagen es macht echt wieder einmal Spass ohne den ganzen schweren Taschen einen Berg rauf zu strampeln. Wobei Leichtgewichte sind wir bei weitem noch nicht. Ich spreche hier natürlich von den Rädern. Immerhin wiegt ein Drahtesel stolze neunzehn Kilo, dazu kommt noch die Lenkertasche und Wasser. Aber immerhin besser als fünfzig Kilo unter dem Hintern zu haben. Die Bestzeit von Simon Gerrans, Träger des Gelben Trikots der Tour de France, verpasse ich knapp um achtundzwanzig Minuten. Ich tippe der Zeitunterschied kommt vom besseren Material des Radprofis.

Ein paar erholsame Tage verbringen wir noch in Mansfield und lassen uns die Sonne auf den Bauch scheinen. Endlich klettern auch die Temperaturen in erträglichere Bereiche und es scheint als ob der Frühling endgültig Einzug hält. Gut fünfhundert Kilometer sind es mit ein paar Abstechern noch nach Melbourne, von wo es mit der Fähre nach Tasmanien geht. Weil die Insel allgemein für ihr kühles Klima bekannt ist, fragen wir zur Sicherheit noch einen Australier wann es denn dort wärmer wird.
Der antwortet ganz selbstischer: „Next month!“
Na da sind wir aber gespannt.



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